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Das Bergische Fachwerk

Fachwerk ist in Deutschland weit verbreitet, von Schleswig-Holstein bis Schwaben findet man landauf, landab zahlreiche historische Fachwerkhäuser. Dabei blieb das Fachwerk in früheren Jahrhunderten keineswegs nur auf Dörfer und kleinere Städte beschränkt. Viele deutsche Großstädte verfügten, bis zu den Zerstörungen des II. Weltkriegs, über intakte Altstadtkerne, die größtenteils aus Fachwerkhäusern bestanden. Das Bergische Land bildet hier keine Ausnahme. In den verstreut liegenden Gehöften und Weilern zwischen Wupper und Sieg war das Fachwerk über Jahrhunderte die dominierende Bauweise. Noch heute prägen Fachwerkhäuser in vielen bergischen Dörfern das Ortsbild. Fachwerk ist heute für viele Menschen der Inbegriff von Heimat und Ursprünglichkeit. Unbewusst verbinden sie mit dieser Bauform Vorstellungen von Romantik und Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“. Viele Menschen träumen davon, einen alten Resthof oder ein Fachwerkhaus zu erwerben und zu renovieren. Dank dieser Begeisterung konnten viele Fachwerkhäuser gerettet werden und erstrahlen heute wieder in neuem Glanz.

Das Bergische Fachwerk

Das Bergische Land ist in vielerlei Hinsicht eine Grenzregion, auch in der Baugeschichte. Dies hat viel mit der Besiedlung des Gebietes in der Zeit zwischen 500 und 1000 n. Chr. zu tun. Während der westliche Teil der Region von fränkischen Einwanderern aus der Rheinebene besiedelt wurde, waren die ersten Siedler des Oberbergischen Sachsen, die damals weite Teile Norddeutschlands (Niedersachsen) bewohnten und nichts mit dem heutigen Freistaat gleichen Namens zu tun haben. Franken und Sachsen brachten jeweils ihre eigenen Hausformen mit. So finden sich im Oberbergischen noch heute die südlichsten Vertreter des niederdeutschen Hallenhauses, das alle Funktionen der Landwirtschaft und den Wohnbereich unter einem Dach beherbergte. Die Franken bevorzugten hingegen den mitteldeutschen Drei- oder Vierseithof, einen Komplex aus mehreren Gebäuden, wie Stall, Wohn- oder Futterhaus. Allerdings kommen solche geschlossenen Streuhöfe in Reinform aufgrund der Topographie im Bergischen Land so gut wie nie vor, sondern es haben sich von Anfang an Mischformen entwickelt. Die für den Westen des Bergischen charakteristische Hausform ist das Querdielenhaus, das in zahlreichen Varianten vorkommt. Die großen Dachspeicher stammen vom niederdeutschen Hallenhaus. Ebenso wie dieses beherbergt das bergische Querdielenhaus auch Stall und Wohntrakt unter einem Dach. Wohnbereich und Stall werden jedoch durch die Querdiele, wie bei den fränkischen Gehöften, strikt voneinander getrennt. Die Querdiele und die traufseitige Haustüre sind die prägenden Erkennungsmerkmale.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der Geschossbau die dominierende Bauweise im Bergischen Land. Erst nach 1800 verbreitet sich der Stockwerkbau und setzt sich flächendeckend nach 1840 durch. Die Fachwerkhäuser im Bergischen Land fallen dabei selten durch reiche Verzierungen der Balken mit geschnitzten Ornamenten oder Figuren auf. Nur manchmal findet man an Dachbalken oder Eckständern eine geschnitzte Verzierung. Häufig sieht man jedoch Strebefiguren wie „Mann“, „Wilder Mann“ oder K-Streben. Allerdings bleibt auch deren Verwendung weit hinter der Vielfalt und Formensprache der städtischen Fachwerkbauten zurück. Das Bergische Land war vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg eine arme Region. Es gab kaum Bauholz, und der Transport von Material aus weiter entfernten Regionen war sehr kostspielig. Daher wurde Baumaterial wie Holz beim Abriss eines Gebäudes häufig wiederverwendet. So findet man im Bergischen kaum Häuser, die vor 1500 errichtet wurden. Auch die hier weitverbreitete Form der Realerbteilung verhinderte die Weiterentwicklung der Bautechnik. Ab etwa 1750 lassen wohlhabende Bauherrn die Wetterseiten der Häuser häufig mit Schieferplatten verkleiden.

Auch die uns heute so vertraute Verwendung des immer gleichen Farbschemas – schwarze Balken, weiß gekalkte Gefache und grüne Fensterläden, häufig als „Bergischer Dreiklang“ bezeichnet – gibt vielen Dörfern den unverwechselbaren Charakter, entstand jedoch erst im 19. Jahrhundert.

Was ist Fachwerk?

Fachwerk ist eine Skelettbauweise. Beim Bau wird zunächst die tragende Holzkonstruktion zusammengesetzt (verzimmert) und dann aufgerichtet. Sie besteht aus dem Ständerwerk, welches die Außen- und Innenwände des Hauses bildet, dem Giebeldreieck und den Deckenbalken. Die zwischen den Balken entstehenden Felder nennt man Gefache. In die Gefache kam früher das so genannte Geräffel und Gestäffel, senkrechte schmale Eichenlatten, zwischen denen waagerecht Weidenstöcke eingeflochten wurden. Auf dieses Gitter wurde Lehm aufgetragen und anschließend mit einem Kalkputz gegen Wettereinflüsse geschützt. In anderen Regionen wurden die Gefache mit Mauerwerk aus Natur- oder Ziegelsteinen ausgefüllt.

Die für das Ständerwerk verwendeten Kantenhölzer tragen je nach Art ihrer Verwendung unterschiedliche Bezeichnungen, die aus dem Sprachgebrauch der Zimmerleute entlehnt wurden, wie Schwellen, Ständer, Riegel usw.. Das Ständerwerk wurde aus besonders haltbarer Eiche, später aus günstigerem Fichtenholz mit speziellen Beilen direkt aus dem Stamm geschlagen und dann mit eingeschnitzten Markierungen versehen. Diese erleichterten das Aufstellen des Hauses. Die Bauteile wurden untereinander durch verschiedene Holzverbindungen, wie Verzapfungen, An- und Überblattungen, zusammengehalten. Eiserne Verbindungselemente, wie Nägel oder Schrauben, wurden nur selten verwendet.

Schwelle, Ständer und Strebe – Die Bestandteile des Fachwerks

Als Unterbau und Fundament für das Ständerwerk dient in der Regel ein steinerner Sockel, der die Holzkonstruktion vor Regenwasser und damit vor Fäulnis schützt. Auf diesem liegen die waagerecht verlaufenden Schwellen, die an den Ecken meist mit geraden Eckblättern miteinander verbunden sind. Darauf stehen die senkrechten Ständer, im Bergischen früher „Pöste“ genannt. Für die Eckständer oder Bundständer, an denen sich tragende Außen- oder Innenwände anschließen, wurden häufig besonders starke Ständer verwendet, oft mit einer Breite von mehr als 20 cm. Die dazwischenliegenden Ständer fallen deutlich schmaler aus. Am oberen Ende sind die Ständer mit einem horizontal verlaufenden Balken, dem „Rähm“, verzapft. Der Begriff ist von Rahmen abgeleitet, denn die Rähme aller vier Wände bilden tatsächlich einen parallel zu den Schwellen verlaufenden Rahmen. Die Ständer sind durch waagerecht verlaufende Riegel miteinander verbunden. Bei manchen bergischen Fachwerkhäusern stehen die Ständer direkt auf dem Sockel und werden durch Riegel miteinander verbunden, diese werden als „Fußriegel“ bezeichnet. Riegel werden auch bei Tür- und Fensteröffnung verwendet, einen Riegel oberhalb einer solchen Öffnung nennt man Sturz-, unterhalb der Öffnung Brüstungsriegel.

Streben und Knaggen

Um das Ständerwerk mit der nötigen statischen Aussteifung zu versehen, werden schräg verlaufende Verstrebungen in das Gerüst eingebaut. Diese lassen sich in zwei Arten unterteilen: lange und schlanke Schräghölzer werden als „Streben“, kurze und breite als „Bänder“ bezeichnet. Je nachdem welche anderen Bauteile durch die Streben bzw. Bänder miteinander verbunden werden, spricht man von Kopfstreben und Kopfbändern, diese verlaufen vom Ständer zum Rähm, bzw. von Fußstreben und Fußbändern, wenn sie zwischen Ständer und Schwelle eingebaut sind. Streben, die über die gesamte Höhe einer Wand verlaufen, heißen Schwelle-Rähm-Streben. Streben, die mehrere Ständer und Riegel überschneiden, nennt man „Schwertung“.

„Knaggen“ sind konsolenartige Hölzer an der Fassade. Sie dienen häufig dazu, schwere vorkragende, also vorstehende Bauteile, z.B. das Obergeschoss oder Giebeldreieck, zu tragen. Häufig sind Knaggen bogenförmig ausgeschnitten oder durch Schnitzereien verziert.

Verstrebungen wurden an vielen Fachwerkhäusern häufiger eingebaut, als dies aus statischen Gründen notwendig gewesen wäre. Man nutzte sie zu dekorativen Zwecken und um eine gleichmäßige Gliederung der Fassade zu erreichen. Bereits im Spätmittelalter, vor allem aber im 16. und 17. Jahrhundert, entwickelten sich aus der Kombination von unterschiedlichen Streben die sogenannten Strebefiguren, z.B. „Mann“ und „Andreaskreuz“.

Geschoss und Stockwerkbau

Es lassen sich zwei unterschiedliche Grundformen des Wandaufbaus bei Fachwerkhäusern im Bergischen Land unterscheiden: Der Geschoss- oder Ständerbau besteht aus Wandständern, die über die gesamte Wandhöhe verlaufen. Die Balken der Zwischendecke ruhen auf Geschossbalken, die in die Ständer ein- oder durchgezapft (durchgeschossen) sind. Am Geschossbau kann man sehr gut die Evolution des Fachwerkbaus ablesen. Man begann, wegen des erhöhten Platzbedarfes die Häuser mit einem Obergeschoss zu versehen. Errichtet wurde das zunächst nicht, indem man wie beim Stockwerkbau eine zweite Etage aufsetzte, sondern indem man die Außenwände entsprechend höher baute.

Erst beim jüngeren Stockwerkbau wurden alle Etagen mit Schwellen, Ständer, Rähm und Deckenbalken separat abgezimmert und die einzelnen Kästen dann aufeinandergesetzt. Fachwerkhäuser, die in Stockwerkbauweise erbaut wurden, lassen sich an den von außen gut sichtbaren Stirnseiten der Deckenbalken erkennen, die auf dem Rähm des Untergeschosses aufliegen und die Schwelle des Obergeschosses tragen. Durch den Stockwerkbau wurde das Fachwerk erst richtig abwechslungsreich. Weil bei dieser Bauweise die Ständer des Obergeschosses nicht auf denen der darunterliegenden Etage stehen müssen, waren nun auch Vorkragungen möglich. (Bild: Kürten_Stockwerkbauweise) Der Stockwerkbau wurde in den Städten bereits im Mittelalter verwendet. Seine Vorteile gegenüber dem Geschossbau lagen auf der Hand: Für die Eck- und Bundständer konnte man deutlich kürzeres Bauholz verwenden, das Aufrichten wurde deutlich einfacher und ungefährlicher als bei den hohen Wänden eines Geschossbaues. Im ländlichen Raum setzte sich der Stockwerkbau deutlich langsamer durch als in den Städten.

Abschließend lässt sich feststellen: Der Fachwerkbau hatte viele Vorteile. Alle für den Bau benötigen Materialien, wie Holz für das Ständerwerk, Lehm für die Gefache und Bruchsteine für den Sockel fand man in der unmittelbaren Umgebung der Baustelle. Da alle tragenden Bauteile aus Holz bestehen, brauchte man nur eine Handwerkszunft, die Zimmerleute. Der Zimmermannsmeister entwarf das Haus nach den Wünschen des Bauherrn, ein Architekt oder Statiker wurde nicht benötigt.

Fachwerkensemble im Grünen in Bergneustadt-Wiedenest